Guck' mal

Frieda
Die Tragödie der Musik in unserer Familie begann im Jahre 1904 mit Frieda. Frieda war die Tochter von Lina Duncker, und Frieda war Lina hinterlassen worden von einem gewissen Jacob Gusch, seines Zeichens Galanteriewarenhändler auf Reisen. Jacob Gusch zeugte Frieda ohne weitere Absichten, als er sich auf einer seiner Wanderungen in Lina Dunckers Heimat-dorf Lübz in Mecklenburg aufhielt. Wahrscheinlich schenkte er Lina ein Samtband oder einen Spitzenkragen aus seinen Vorräten — wie anders sonst hätte sie so schnell ihre Mädchenehre verlieren können.

Nachdem nun also Linas grünes Kränzlein dahin war wurde sie stellungslos und nicht minder brotlos. Sie und das Kind Frieda bekamen zunächst ein bescheidenes Unterkommen im Armenhaus von Schwerin. Dann aber fand Lina schließlich doch wieder eine Stellung. Sie wurde Kaltmamsell in der Kantine des 1. großherzoglich-mecklenburgischen Dragonerregiments Nr. 17, stationiert in Ludwigslust, ebenfalls Mecklenburg. Fräulein Duncker und Tochter Frieda wurde dort eine Wohnküche zugewiesen, im rechten Seitenflügel der Kaserne. So wuchs das Kind Friedaunter gut-mecklenburgischen Bedingungen auf. Und alle Voraussetzungen für eine ehrbare Zukunft waren gegeben.  

Es ließ sich auch alles recht gut an. Als Frieda sechzehn Jahre alt war, ging sie in Stellung bei Herrn Kornmerzienrat Gerstow in Lübz. Allgemein sagte man daraufhin, Frieda habe doch Glück gehabt, in einem so reputierlichen Hause arbeiten zu dürfen. Man sagte allerdings auch, daß Frieda gefährdet sei.

Erstens dadurch, daß so eine uneheliche Geburt ja letzten Endes abfärbt, und zweitens dadurch, daß Frieda ihr Haar mit siebzehn Jahren immer noch offen trug, nicht hochgesteckt, wie es üblich war. Man mußte sogar annehmen, sie täte dies aus Eitelkeit, denn es war nicht zu leugnen, daß Frieda sehr schönes Haar hatte. Wie Frieda überhaupt als anmutig galt, obwohl man von einer Dienstmagd eher erwartete, daß sie drall sei.

Auch Mutter Lina Duncker sah dies mit einem gewissen Argwohn. Sie selbst war nach wie vor in ihrer Stellung als Kaltmamsell verblieben, dies auch dank der Tatsache, daß sie ihren Fehltritt mit Jacob Gusch abbüßte, indem sie sich danach jeglicher Herrenbekanntschaften enthielt. Oft genug  - so muß man zugeben - hatte sie auch Frieda gesagt, daß die eigentliche Erbsünde beim Manne liegt, beziehungsweise in jeglicher Verbindung mit einem solchen. Lina hatte sich also weiß Gott keine Vorwürfe zu machen. Dennoch befiel sie immer wieder eine unerklärliche Unruhe darüber, Frieda ohne rechte Beobachtung im fernen Lübz zu wissen. 

Schließlich gelang es ihr, Frieda ebenfalls eine Position in der Kantine zu vermitteln, wo diese bald eine gewisse Karriere als fähigste Kartoffelschälerin machte. Und vor allem: Tochter Frieda war wieder unter Mutter Linas Aufsicht und Obhut. Wenn sie nur das Haar nicht weiterhin offen getragen hätte! So konnte es nicht ausbleiben, daß sie beim Überqueren des Kasernenhofes den dort exerzierenden Soldaten auffiel.  

Frieda bemerkte und ignorierte dies. Sie hatte keinen Blick für die einfachen Dragoner, denn sie wollte höher hinaus. (Was man übrigens allgemein schon registriert und übel vermerkt hatte.) Jedenfalls — man weiß nicht, wie es dazu kommen konnte —, Frieda wurde eines Tages mit zehn Eßgeschirren zum Musikcorpstrakt geschickt — und das war der Anfang vom Ende. Frieda war geblendet von den Künsten der Musiker, die ihrerseits auch in gewisser Weise von Lina geblendet waren. Durch Befehl von oben wurde angeordnet, daß von nun an Frieda — und nur Frieda allein — täglich den Musikern die Eßgeschirre zu bringen habe. Hier half kein Einspruch von Mutter Lina — das war schließlich ein Befehl. Und die unglückselige Frieda gehorchte nur zu gern, das muß man ihr nachsagen.

Gegen zwölf Uhr mittags wurde sie regelmäßig von einer starken Unruhe ergriffen, denn dann war es bald Zeit für die Geschirre. Eines Tages kam sie eine halbe Stunde später als gewöhnlich vom Musikcorps zurück. Mutter Lina sah FriedaindieAugen,unddieseschlugsie nieder. Es hatte sich also etwas angebahnt. Und nun wußte Mutter Lina, daß die Tragödie nicht mehr aufzuhalten war. Und so geschah es denn auch! Frieda gestand schließlich, daß es sich um den Musikmeister handelte, von dem sie wußte, daß er Joachim hieß und mit der Trompete dem Musikcorps vorausritt. Allerdings — so sagte Frieda — sei es gewiß, daß er sie heirate.Frieda glaubte das übrigens wirklich! Lina niemals! —Musikmeister Joachim wohl auch nicht.

Allmählich wurde Frieda bleicher und bleicher, manchmal auch rot. Etwas war nicht in Ordnung mit Frieda. Sie lachte seltener, sprach wenig, aß wenig. Aber sie brachte immer noch den Musikern die Eßgeschirre in ihren Trakt.

Eines Tages sagte Frieda, sie wolle nach Lübz fahren, um dort ihre alte Herrschaft zu besuchen. Am nächsten Tag kam der Postwagen ohne Frieda nach Ludwigslust zurück, und am Abend kam ein Bote aus Lübz, der Mutter Lina bedauernd mitteilte, daß man Frieda aus dem Wasser gezogen habe. Sie hatte sich ertränkt aufgrund einer Schwangerschaft, die wohl eindeutig auf Joachim zurückzuführen war.

Mutter Lina sagte kein Wort und ging zum Musikcorps, um deren Meister aufzusuchen, der gerade ein Trompetensolo übte. Es gab nur eine kurze Aussprache zwischen Mutter Lina und ihm. Im Verlaufe dieser sagte Joachim zu Mutter Lina, er hätte schon aus Gründen der Familienehre niemals ein Mädchen heiraten können, das sein Kränzlein schon verloren habe. Und zweifellos war es doch wohl so — denn Frieda war schließlich schwanger gewesen. Es wurde Frieda allerdings eine letzte Ehre zuteil. Auf ihrer Beerdigung spielte das gesamte Musikcorps: »So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!«. Musikmeister Joachim spielte das Trompetensolo, das Frieda am meisten geliebt hatte, und dabei sollen selbst ihm die Tränen gekommen sein. Ein Kamerad hielt eine Rede, wie sehr alle Frieda geschätzt hätten. Ein Pfarrer war allerdings nicht da, und Frieda wurde auch nur in einer entfernten Ecke des Friedhofs bestattet, denn sie war ja eine Selbstmörderin.

Hätte Joachim nicht so faszinierend die Trompete geblasen — Frieda wäre vielleicht viel erspart geblieben. So meinte jedenfalls immer meine Großmutter Hermine Minna Auguste. Sie war eine Cousine der unseligen Frieda, und fünfzehn Jahre später durfte sie auch noch den tragischen Tod von Mutter Lina Duncker miterleben. Aber das ist eine andere Geschichte.      Zurück