Ortrud Beginnen

Die Rolle macht den Spuk im Gesicht

von DIETER BARTETZKO (FAZ)  

Nach dem kurzen Höhenflug der zwanziger Jahre haben die Deutschen ihre Diseusen nie mehr so recht ernst genommen. Oder zu ernst oder manchmal beides.

Meist aber wird die Diseuse unterschätzt. Ursula Herking stand auf den Brettern der Münchner Kammerspiele nur via ,,Brettl“; selbst der Ruhrpott vergaß ihr nie ganz, daß sie auch eine Erzkabarettistin und in Papas Kino sogar die Ulknudel vom Dienst war. Ähnlich reagierte Bochum auf Ortrud Beginnen, als Claus Peymann sie 1980 in Lessings ,,Nathan der Weise“ eine zigarrenrauchende Sittah und Axel Manthey sie 1983 in Achternbuschs ,,Sintflut“ eine entnervende Noahin spielen ließ. "Nur durch Peymann" so sagte Ortrud Beginnen einmal, der sie 1976 ans Stuttgarter Staatstheater geholt hatte, sei sie erst zur Schauspielerin geworden. Wer wollte — und viele wollten konnte da­mals in ihrem kahlen Escalus in Shakespeares ,,Maß für Maß“. erst recht in der schrillen ,,Blume von Hawaii" die Eskapaden des Kultstars der Berliner Kleinkunstszene sehen, der Peymann aufgefallen war. Um so ein Star zu werden, 1965 durchge­boxt von Paul Vasil und mit ihm von 1970 an im Theater im Reichskabarett, war sie vorher durch Hamburger Amüsierkneipen getingelt. Im Wettstreit mit Kunstfurzern und Hans-Albers-Parodisten hat­te sie sich das Stehvermögen für ihre Solo-programme erworben: ,,Letzte Rose“ und ,,Fronttheater“.

Die Schauspielerin Beginnen profilierte sich später am Hamburger Schauspielhaus unter Michael Bogdanov in Stücken von Peter Turrini, Werner Schwab und Klaus Pohl. Klassische Rollen, ihre Favoriten, blieben selten. Zu sehr war sie. was ihr später vom Kritiker Helmut Schödel be­wundernd attestiert wurde: eine Darstellerin, der Rollen ,,keine Arbeit für den Körper, sondern der Spuk im Gesicht“ bedeu­teten. Aber am Wiener Burgtheater faßte sie 1994 alle Erfahrungen und Fähigkeiten zusammen: Medea und Medusa. Marlene Jaschke und Erika Pappritz blitzten in ihrer Spießerkönigin Erna in Schwabs ,,Prä­sidentinnen“ auf. 1985 wurde sie für ihre Erna von ,,Theater heute“ zur ,,Schauspie­lerin des Jahres“ gewählt. Kaum ein Kom­mentar, der nicht von der schauspielernden Diseuse gesprochen hätte, wenige Meldungen, in denen der Hinweis auf den ,,Deutschen Kleinkunstpreis“ fehlte, den sie 1976 erhalten hatte.

Auf Rosen gebettet aber war auch die prämierte Diseuse selten: 1979 wurde ihr Programm ,,Ich will deine Kameradin sein“ beim Theaterfestival in Nancy zum Debakel. Sie mußte das Gastspiel vorzeitig abbrechen, weil die Kritik es als Verklärung von Landsergegröle und Nazi-Liedern miß- und ihre Verfremdungen nicht verstand. Das Fehlurteil war programmiert. Denn Ortrud Beginnen verfügte nicht nur über die Frivolität und Tragik, die man jenseits des Rheins seit Marlene Dietrich so schätzt. Sie litt auch am selbstquälerischen deut­schen Furor. Wenn sie, wie 1988 in ,,Mein Freund Rudi“, die Revolutionsnostalgie und den Masochismus der Altachtundsech­ziger persiflierte, richtete sie sich selbst.

In jeder Pointe wider das Spießertum echote ein Fluch auf den Nazismus, besang sie maliziös die ewige Eva, bis logischerweise irgendwann Eva Braun durch die Töne spukte.

Für Frankreich war das alles zu deutsch, für Deutschland oft auch. Es half Ortrud Beginnen nicht, wenn sie auf Fragen, ob sie sich exotisch fühle, antwortete: ,,Die Exoten sind die anderen.“ Sie erhielt das Reservat Kleinkunst zugeteilt. Seine Enge bekam sie schon zu spüren, als sie 1960 in Hamburg zur Schauspielprüfung nicht nur Schiller und das ,,Vater unser vortrug. sondern auch Zarah Leanders ,,Nur nicht aus Liebe weinen“. Die Prüfer mutmaßten‘ sie sei ,,nicht ganz richtig im Kopf“. und erklärten ihr, selbst bei Talent würde sie wegen Flachbrüstigkeit und Schielens auf keine Bühne kommen.

Daß die Weimarer Republik Fritzi Massary den Fixstern am Diseusenhimmel. einst wegen ihrer Elfenfigur, ihres Silberblicks und ihrer Schauspielkunst vergöt­tert hatte. war so restlos vergessen wie die Maxime eines ihrer berühmtesten Chan­sons: Daß ,,man das Schwerste leicht oft nebenbei erreicht“. Das glaubte vor Peymann und Zadek kaum ein Theatermann. Eine Meisterin des Nebenbei wurde Or­trud Beginnen nie. Sie kämpfte so lange. bis ihr am Ende das Schwerste leichtfiel. Das zeigte sie am Staatstheater Stuttgart. wohin sie 1993 zurückgekehrt war. als Callas in McNallys ,,Meisterklasse“. in McCabes ,,Schlächterbursche“ und in ih­rem letzten Solo ,,Eine verführerische Frau“ mit Chansontexten von Michael Zochow.

Ihn hatte sie an Berlins Volksbühne kennengelernt, wo sie während ,,Bernarda Albas Haus“ mit einem Lachkrampf aus der Rolle gefallen war, weil sie plötzlich sich und die Inszenierung als feministische Quote erkannte. Michael Zochow lachte mit. Es war ihm so bitterernst wie ihr. Jetzt ist Ortrud Beginnen im Alter von sechzig Jahren in Stuttgart gestorben. Sie hätte dort noch in dieser Spielzeit ,,Den grauen Engel“ von Mortiz Rinke spielen sollen. 

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